Zurueck

Verständnis

Zu einer urbanen Kontingenz - Die heutigen Voraussetzungen auf dem Feld des St√§dtebaus erfordern ein Umdenken in der Gestalt der Entwicklungsperspektive. Die bisher zumeist auf Leitbildern basierenden Entw√ľrfe erfahren gro√üe Probleme in der Prozessualit√§t ihrer Umsetzung. Mehr denn je gilt es die Organizit√§t dessen anzuerkennen, was man als Stadt zu bezeichnen gewohnt ist. Die Forderung schlie√üt an den Begriff der Stadtlandschaft an, ohne sich in dessen Bildhaftigkeit zu verfangen. Dabei sind es gerade die realen Bilder der St√§dte, die uns die Begrenztheit von Planung vor Augen f√ľhren. Das gr√∂√üte Problem, das sich den Beteiligten in dieser Situation stellt, liegt in der Antizipation, die unweigerlich mit der Planung verbunden ist. Jeder Entwurf hat ein Verfallsdatum, wobei sich gute Entw√ľrfe durch ein m√∂glichst geringes Ma√ü an Antizipation und damit durch eine l√§ngere Haltbarkeit auszeichnen.
Die meisten st√§dtebaulichen Konzepte der Vergangenheit zerbrachen an dem in der Planung ignorierten Faktor Zeit. Die stetig wechselnden Parameter von Stadt f√ľhren dazu, dass selbst neu entwickelte Bildversprechen nicht eingel√∂st werden k√∂nnen. Begreift man das Geflecht heutiger Stadtagglomerationen ein St√ľck mehr als Organismus, geraten Eingriffe zu Implantationen - St√§dtebau bezeichnet zwar eine durch Verfasstheit bestimmte Form von Stadt, doch handelt es sich in der Regel um √ľberschaubare Einheiten, die bereits bestehende Siedlungsgef√ľge erg√§nzen. Die zwei diametral entgegengesetzten M√∂glichkeiten der Stellungnahme dazu lauten Autonomie oder Kontextualit√§t. Das Erste bedeutet Isolation, das Zweite Vernetzung. Als Extreme sind sie ebenso unbrauchbar wie uninteressant. 
So ist f√ľr den St√§dtebau eine strategische Methode zu entwickeln, die den immer und nie fertigen Zustand der Stadt nicht nur akzeptiert, sondern voraussetzt. Es geht darum, M√∂glichkeitsr√§ume zu schaffen, die sich einer endg√ľltigen Form verweigern. Die Wiederentdeckung des Ideals der europ√§ischen Stadt ergoss sich in postmodernen Bilderwelten.  Koolhaas kritisierte sie als eine "Welt ohne Urbanismus  ...nur noch Architektur." Dem l√§sst sich die "unfertige Stadt" gegen√ľber stellen. Eine Stadt die nicht das eine Bild annimmt, die kontr√§r dazu Br√ľche und Ungereimtheiten nicht nur akzeptiert sondern gerade fordert und mit entwirft - die r√§umliche "Gelegenheit" steht vor der √§sthetischen Pr√§fabrikation.


(Auszug aus dem Leitartikel "Zu einer urbanen Kontingenz", Kleinekort et.al. in Architektur und Wettbewerbe, Karl Krämer Verlag)